Projektinfo:

9.000 Menschen sind in Österreichs Justizanstalten eingesperrt. Die Zahlen sind in den letzten sieben Jahren rasant gestiegen, vor allem Ausländer werden seit dem Jahr 2000 vermehrt inhaftiert. Rund die Hälfte aller Insassen sitzt wegen Drogen- oder Diebstahlsdelikten hinter Gittern.

In Oberösterreich gibt es vier gerichtliche Gefangenenhäuser sowie die Strafvollzugsanstalten Suben und Garsten. Viele dieser Justizanstalten sind in ehemaligen Klöstern untergebracht: Die Klöster in Steyr, Suben und Garsten wurden unter Joseph II. aufgelöst und Mitte des 19. Jahrhunderts in Strafanstalten umgewandelt. Die Architektur der Klöster eignete sich hervorragend für die Unterbringung (und Disziplinierung) von Straftätern. Die damaligen Klöster und heutigen Gefängnisse liegen in den Dorfzentren, direkt neben den eindrucksvollen Kirchen. Die Gefängnisse fungieren heute auch als wichtige Arbeitgeber und haben große wirtschaftliche Bedeutung.

Die Insassen wohnen in Ein- bis Achtmannzellen. Vor allem Ausländer werden vermehrt in den großen Hafträumen unterbracht – wie ich im Rahmen einer Studie über Ausländer in Österreichs Gefängnissen recherchierte, geht man vielerorts davon aus, dass Ausländer „gerne in Gruppen zusammenleben“ und „unempfindlich sind, was den Überbelag angeht.“ Je nachdem, wie lange Insassen an einem Ort leben, sehen ihre Zellen anders aus. In Ried oder Steyr, beides gerichtliche Gefangenenhäuser, sind die meisten Räume kaum persönlich eingerichtet. Anders in Garsten, wo ich Hafträume fotografiert habe, in denen Menschen schon seit zehn oder 15 Jahren lebten. Je länger die Haftstrafen, umso mehr Topfpflanzen.

Im Strafvollzugsgesetz ist im Detail geregelt, was erlaubt und was verboten ist: „Die Strafgefangenen sind berechtigt, den Haftraum nach ihren Vorstellungen, insbesondere mit Blumen und Bildern auszuschmücken, soweit dadurch Sicherheit und Ordnung in der Anstalt nicht beeinträchtigt werden.“ Selbst gemalte Bilder sind „ihm auf sein Verlangen zu belassen, soweit nicht aufgrund bestimmter Tatsachen ein Missbrauch zu befürchten ist oder die Ordnung im Haftraum leidet.“ Zeichnen und Malen sind explizit erlaubt: in der Freizeit und „in angemessenem Umfang“. Fernsehen und Radiohören gilt als „Vergünstigung“ und kann daher verboten werden, wenn ein Gefangener nicht „an der Erreichung der Zwecke des Strafvollzugs mitwirkt“. Wer durch „vorsätzliche Selbstbeschädigung besondere Aufwendungen“ herbeiführt, „hat diese zu ersetzen“. „Das Tätowieren ist verboten.“

In diesem von Vorschriften geprägten Alltag bleibt den Insassen wenig Freiraum. Die immer gleich gestreiften, bunten Handtücher, die Decken mit der Aufschrift „Justizverwaltung“, die immer gleiche Art Betten und Sessel erinnern an die Normierung und stören den Eindruck von Normalität und Wohnlichkeit, den viele Hafträume machen.

Die Menschen, die in den von mir fotografierten Räumen leben, sind nicht nur Straftäter, sie sind auch religiös, haben Schulden, sehnen sich nach ihren Frauen oder nach Frauen überhaupt, sie basteln Blumen, hängen liebliche Tierbilder an die Wand, gießen ihre Topfpflanzen oder hängen sich Handtücher als Vorhänge vor ihr Bett, um einen kleinen privaten Bereich abzugrenzen. Ein Häftling zeigt stolz sein Aquarium, vor dem Bett stehen seine Hausschuhe und man könnte bei diesem Anblick fast vergessen, wo dieser Mann wirklich gelandet ist. Junge Männer, die sich beim Grünen Kreis zu einer Drogentherapie anmelden, hängen ihre Wurstvorräte ins Fenster, da sie keinen Kühlschrank haben.

Es ging mir nicht nur darum zu beschreiben, wie Menschen es sich hinter Gittern eingerichtet haben, wie sie Normalität herstellen und aufrecht erhalten. Freiheitsentzug findet immer auch an der Grenze zum Abgrund statt. Die Hafträume, die der Staat für Ausnahmesituationen bereit hält – Einzelhafträume, Absonderungs- und Gummizellen – zeugen von Verzweiflung. Diese unnötig tristen und zum Teil dreckigen, devastierten Räume verweisen auf die dunklen Seiten des Rechtsstaates.

 

Fotografiert: 2006/ 2007
Farbprints 80x100cm vom 4x5"u.6x9cm Negativ



Links:
http://www.fdr.at

http://www.florianklenk.at

 

zurück zu den Fotos